Nur langsam bröckelt die Mauer des Schweigens (Weser-Kurier)
WALSRODE (TIN). Das Thema ist tabu. Kaum jemand spricht über Rechtsextremismus in Walsrode. Auch nicht die Bürgermeisterin. Silke Lorenz ruft tagelang nicht zurück. Erst auf
schriftliche Anfrage reagiert die Parteilose - mit "derzeit kein Kommentar". Persönlich erlaubt sie sich den Hinweis, dass sie "rechtsextremistische Aktivitäten in Deutschland für deutlich
problematisch" hält. Kein Wort über ihre Stadt.
Walsrode liegt im Landkreis Soltau-Fallingbostel. Polizei und Verfassungsschutz in Niedersachsen gilt der Ort eher als weißer Fleck in dem Heidekreis, der in Sachen Rechtsextremismus ohnehin
nicht auffalle. "Einzelpersonen sind allerorten aktiv", sagt Behördensprecherin Maren Brandenburger, "organisierte Strukturen sind uns in Walsrode nicht bekannt". Die örtliche Polizei sieht das
genauso: Es gebe "ein paar unorganisierte Rechtsextremisten", sagt Sprecher Peter Hoppe in Soltau.
Frank Petersen* würde jetzt vielleicht lachen, "wenn das alles nicht so traurig wäre". Er nennt die 25 000-Einwohner-Stadt einen "klaren Schwerpunkt" der braunen Szene im Landkreis. Und in
seinem Job kriegt er viel mit, kennt zahlreiche Jugendliche und auch ihre Eltern. Seinen Namen will er nicht veröffentlicht sehen und auch nicht, wo er arbeitet: "Walsrode ist klein." In seinen
Augen sind die Neonazis hier "zwar chaotisch, aber keineswegs unorganisiert". Und gewaltbereit seien sie auch. Ihren harten Kern schätzt Petersen auf zehn bis 15 Personen. Er selbst habe viele
Monate gebraucht, "um zu kapieren, was an Walsrodes Schulen abgeht": Rechtsextremismus sei fast allgegenwärtig.
Schon viele Viert- und Fünftklässler kennen die Hetzmusik von Rechtsrockbands oder die Namen von Typen wie Veit Wichmann*, berichtet Petersen. Veit Wichmann ist einschlägig vorbestraft, er
schlägt zu - für Geld, aber auch für seine rechtsextreme Gesinnung. Oder einfach, weil ihm gerade nicht passt, wie der Typ vor ihm Auto fährt. Schon zur Schule nahm Wichmann einen
Baseballschläger mit. Heute hat der 25-Jährige bereits reichlich Knasterfahrung.
Manfred Köster* scheint ein guter Kumpel von Veit Wichmann zu sein. Jedenfalls sitzt er gerne unter den Zuschauern, wenn vor Gericht wieder einmal gegen Wichmann verhandelt wird. Er feixt, wenn
es gut läuft für den Angeklagten. Köster gilt als weniger gewalttätig als Wichmann, auch als intelligenter - und als ein langjähriger Anführer der örtlichen Neonazi-Szene. Trotzdem wird sein Name
in Walsrode noch leiser geflüstert als Wichmanns. Denn Manfred Köster ist auch Sohn eines honorigen Unternehmers aus Hamwiede, der Ortsteil Walsrodes zählt rund 220 Seelen.
Anfang 2006 verwarf das Landgericht Verden die Berufung Kösters: Das Amtsgericht hatte den damals 22-Jährigen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht zu 800 Euro Geldstrafe verurteilt. Nach
Überzeugung der Richter hatte er 2004 in Verden an einer illegalen NPD-Aktion teilgenommen, mit der Neonazis eine Aufklärungsveranstaltung über Rechtsextremismus stürmen wollten. Schon damals
hatte Köster mehrere Strafverfahren hinter sich. So wurde er 2003 wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einem Jahr und drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, die die Richter auf drei Jahre
zur Bewährung aussetzten.
Charly Braun ist einer der wenigen, die öffentlich sagen: "Klar, sind die Neonazis auch in Walsrode unterwegs." Der Wahl- Hannoveraner ist im Heidekreis geboren und engagiert sich in der
"Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes". In Walsrodes Jugendzentrum organisiert er mit einem Bündnis aus Parteien, Gewerkschaften und Initiativen Vorträge über braune Umtriebe. Die
Veranstaltungen sind stets gut besucht. Aber nur wenig später sind auch mal die Fensterscheiben des "Juze" eingeschlagen oder mit Neonazi-Parolen beschmiert.
Mitte 2006 überfielen vier junge Rechtsextremisten an einem See in Walsrode fünf Jugendliche. Eher zufällig waren zunächst zwei Neonazis dort, binnen Minuten hatten sie zwei Gesinnungsgenossen
herzitiert. Sie sprühten Pfefferspray, traten auf die Jugendlichen ein und grölten "Heil Hitler".
Einer der Täter war 2004 an Manfred Kösters Seite, als dieser bei der illegalen NPD-Aktion in Verden mitmachte. Rechtsextremisten wie er sind nicht die einzigen Jugendlichen, die auf Kösters
Kommando hören: Bei "Germania Walsrode" trainiert der Mittzwanziger 15- und 16-Jährige. Dabei darf Köster zu den Spielen der ersten Mannschaft nicht mal mehr als Zuschauer.
Der Vereinsvorsitzende sieht darin keinen Widerspruch. "Zuschauerverbot" scheint Gerd Meine zudem ein hartes Wort, die Vereinsspitze habe Köster "mündlich nahe gelegt", den Spielen einstweilen
fernzubleiben. Im Übrigen, stellt er klar, sei der Jugendtrainer "unter Alkoholeinfluss aggressiv" geworden. Von rechtsradikalen oder fremdenfeindlichen Äußerungen sei ihm nichts zu Ohren
gekommen. Auch Köster habe schließlich eine zweite Chance verdient. Jugendliche trainieren zur Resozialisierung? "Solange er Fußball spielt, kann er nichts anstellen", befindet Meine. Manfred
Kösters Vater, der Unternehmer, kommt zu fast jedem Spiel der Kicker von "Germania Walsrode". Seine Firma sponsert Trikots und soll sich auch sonst nicht lumpen lassen.
Weder Frank Petersen noch seine Berufskollegen wollen sich "Ansprechpartner gegen Rechtsextremismus" in Walsrode nennen. "Da geht schnell was kaputt." Es gehe ihm nicht um politisches Porzellan,
stellt er klar. Er meint es wörtlich. Schließlich zielen die örtlichen Neonazis gerne mal auf Fensterscheiben von Häusern oder Autos. Und Petersen fügt hinzu: "Zum Glück wohne ich nicht in
Walsrode." Zudem fehle ihm Fachkompetenz. Dabei braucht die Stadt nach seiner Überzeugung dringend Experten, "die regelmäßig von außerhalb kommen".
Manfred Kösters Heimatort Hamwiede kam Ende Oktober 2007 in den Medien groß raus. Nicht wegen fremdenfeindlicher oder gar rechtsextremistischer Übergriffe, versteht sich. Walsrode gilt
schließlich als weißer Fleck auf der braunen Landkarte, in dem sich nach Darstellung der Behörden einzelne Rechtsextremisten unorganisiert tummeln. In Walsrodes kleinem Ortsteil ging es um nichts
weniger als um Terrorverdacht gegen mutmaßliche Islamisten.
Diesen Verdacht hatte der Anruf eines einzigen "aufmerksamen" Bürgers ausgelöst. Ein Großeinsatz der Polizei war die Folge. Am Ende stellte sich heraus, dass sich lediglich eine offensichtlich
muslimische, weil verschleierte Frau und ihr Mann den Flecken in der Heide für ihre Flitterwochen ausgesucht hatten. Walsroder wie Frank Petersen würden über "aufmerksame" Bürger wie jenen
Anrufer vielleicht lachen, "wenn das alles nicht so traurig wäre".
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